Konrad Michel, MD

Background Konrad Michel

Was ist neu?

Wenn ich dich bitte, mir zu erklären, wie ein Mensch sein Leben durch Selbstmord beenden kann, würdest du wahrscheinlich Depressionen oder ein anderes psychisches Problem erwähnen. Das erklärt jedoch nicht den Suizid der einzelnen Person. In über 40 Jahren habe ich Hunderte von Menschen gesehen, die einen Suizidversuch überlebt haben. Und ich habe mit den sachkundigsten Therapeuten und Forschern der Welt über Suizid und Suizidprävention diskutiert.

Dabei habe ich festgestellt, dass es in den Gesundheitsberufen, in der allgemeinen Bevölkerung, bei Menschen, die Suizid als Lösung in Betracht ziehen, und sogar bei denen, die einen Suizidversuch überlebt haben, einen gravierenden Mangel an Wissen über Suizid gibt.

Wir brauchen ein neues Konzept des Suizids. Ein Konzept, das wirklich hilft, Leben zu retten.

Konrad Michel explains new concept of suicide to save lives.

1. Warum wir einen neuen Ansatz brauchen

Depressionen und andere psychiatrische Störungen sind Risikofaktoren für Suizid. Wenn sie diagnostiziert werden, müssen sie auch behandelt werden. Das ist wichtig. Risikofaktoren sind jedoch nicht die Ursache für einen Suizid. Sie helfen dem Suizidgefährdeten nicht, die persönliche Bedeutung der lebensgefährlichen suizidalen Krise zu verstehen. Wir müssen über das medizinische Modell hinaus denken.

Transkript Clip 1 (deutsch)

Warum brauchen wir einen neuen Ansatz, um Suizid und suizidgefährdete Menschen zu verstehen? Lassen Sie mich erklären.

 

Die traditionelle Art, Suizid zu verstehen, basiert auf dem, was ich als das medizinische Modell bezeichne. Das medizinische Modell besagt, dass Suizid in der Regel eine Folge von psychischen Störungen wie Depressionen, bipolaren Störungen usw. ist.

 

Es ist jedoch sehr wichtig zu sehen, dass diese psychischen Störungen, die mit suizidalem Verhalten zusammenhängen, Risikofaktoren sind. Sie sind nicht die Ursache für einen Suizid. Für mich und meinen Kollegen Ladislav Valach, die wir gemeinsam versucht haben zu verstehen, was in der suizidalen Person, in der Psyche der suizidalen Person, vorgeht, ist es absolut klar, dass wir, um die suizidale Person zu verstehen, die Logik, die Logik der suizidalen Person verstehen müssen, die immer sehr, sehr individuell ist. Nur dann können Therapeut und Patient in einer effektiven Weise zusammenarbeiten, die das Suizidrisiko tatsächlich verringert. Grundlage dafür ist das, was wir den narrativen Ansatz nennen. 

 

Was es damit auf sich hat, erkläre ich im nächsten Video.

2. Die suizidale Logik einer Person verstehen

Wenn wir Suizidversuche und Suizid als Handlungen verstehen, für die Menschen ihre Gründe haben, dann müssen die Fachleute der Gesundheitsberufe einen Weg finden, den Zugang zur inneren Welt der suizidalen Person zu finden. Wir alle erklären unsere Handlungen mit Geschichten. Eine Geschichte, die einem aufmerksamen Zuhörer erzählt wird, nennt man in der Fachsprache ein Narrativ. Hinter jeder Suizidhandlung steht eine ganz persönliche Geschichte, ein persönliches Narrativ.

Transkript Clip 2 (deutsch)

Hallo noch einmal. Lass mich erklären, was das Besondere an unserem Ansatz zum Thema Suizid ist. Zunächst einmal ist wichtig, dass ich nicht Suizid als Phänomen erklären will, denn das ist ein sehr komplexes Thema, das biologische Aspekte wie Genetik, Epigenetik, Gehirnfunktion, Neurotransmitter usw. umfasst.

 

Was ich beschreibe, ist die Art und Weise, wie wir die Logik, die innere Logik der suizidgefährdeten Person verstehen können. In Hunderten von Interviews hörten wir uns die Geschichten der Patienten an, indem wir sie fragten, wie es soweit kam, dass sie nicht mehr leben wollten.

 

Mit anderen Worten: Ich als Spezialist, als Fachmann für psychische Gesundheit, kenne die Geschichte, die hinter der suizidalen Krise steckt, nicht. Der Patient, der zu mir kommt, muss es mir erklären, und siehe da, wir haben festgestellt, dass die Menschen sehr gut darin sind, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ihre Geschichte, die sehr oft bis in die Kindheit zurückreicht. Manche sagen: Na ja, es begann im Alter von sieben Jahren, dass ich zum ersten Mal an Suizid dachte, als sich meine Eltern trennten. Es überrascht nicht, wenn wir hören, dass diese Menschen als Erwachsene Probleme mit Trennungen und Verlustängsten haben, die sie in eine suizidale Krise stürzen können.

 

Wir haben aus diesen Geschichten gelernt, dass jede suizidale Krise – in diesem Fall ein Suizidversuch, denn das waren die Menschen, die wir befragen konnten – dass jeder Suizidversuch eine innere Logik hat, die für die betreffende Person, und für den aufmerksamen Zuhörer, einen Sinn ergibt.

 

Als wir jedoch die Interviews fortsetzten, stellten wir fest, dass sich die Leute auf bestimmte Dinge keinen Reim machen konnten. Sie sagten zum Beispiel: „Als ich die Tabletten, die Medikamente, genommen habe, fühlte ich mich nicht mich selber. Ich war wie ausserhalb von mir, ich war wie in Trance.“ Und das führt uns zu einem weiteren Konzept, das wir als sehr wichtig für das Verständnis der suizidgefährdeten Person erachten, und zwar das Konzept des Suizidmodus.

 

Dies werde ich im nächsten Videoclip erklären.

3. Warum Suizid keine rationale Handlung ist

Grosser emotionaler Stress beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen, und rational zu denken. Die Alarmzentrale übernimmt die Kontrolle und treibt uns dazu, einen scheinbar unerträglichen inneren Zustand möglichst sofort zu beenden. Dieser mentale Zustand wird als suizidaler Modus bezeichnet. Einmal erlebt, kann der Suizidmodus in zukünftigen emotionalen Krisen sofort wieder eingeschaltet werden.

Transkript Clip 3 (deutsch)

Willkommen zu diesem dritten Videoclip, in dem ich erklären werde, warum Suizid keine rationale Handlung ist. 

Natürlich weiss ich, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens, wenn sie sich in schwierigen Situationen befinden, Suizid als mögliche Lösung in Betracht ziehen. Die Umsetzung von Suizidgedanken in eine lebensgefährliche Handlung ist jedoch eine andere Sache. 

In unseren Gesprächen mit suizidgefährdeten Patienten, d. h. mit Menschen, die einen Suizidversuch unternommen hatten, fiel uns auf, wie ähnlich ihre Beschreibungen des akuten psychischen Zustands im Moment der Suizidhandlung waren. Sie sagten Dinge wie: „Ich war nicht mehr ich selber, ich verhielt mich wie in Trance, gesteuert wie ein Roboter.“

Ich möchte dir ein Beispiel geben. Ich sprach mit einer 20-jährige Frau, die versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Und sie erzählte mir, wie sie beobachtete, wie das Blut ins Wasser des Waschbeckens tropfte. Es bildete schöne Kreise, und sie schnitt tiefer, und es gab mehr Blut und mehr schöne Kreise im Wasser. „Und plötzlich“, sagte sie, „war ich nicht mehr ausserhalb von mir selbst.“ Und ich fragte sie, wie sie das meine. Sie sagte: „Na ja, ich habe mich wie ein Roboter verhalten, wie automatisch. Ich hatte keinen Schmerz, als ich mich schnitt. Und plötzlich wurde mir klar, was ich mir angetan habe, holte ein Tuch, legte es auf meine Wunde und rief meine Mutter an.“

Diese Erfahrungen sind Symptome einer so genannten Dissoziation. Dissoziation ist eine Veränderung der mentalen Funktionsweise unter hohem emotionalen Stress. Es bedeutet, dass wir von unserem gewohnten Selbst, von unserem Gefühl der Identität, abgekoppelt sind. Wir können von unserem Körper abgekoppelt sein, von unserem rationalen Denken, vom Denken über unsere Zukunft usw. Das heisst, es ist das Ergebnis von hohem emotionalem Stress, der das Alarmsystem aktiviert, was bedeutet, dass dieser Teil des Gehirns die Kontrolle übernimmt und das rationale Gehirn (das Vernunfthirn), das sich im präfrontalen Kortex befindet, ausser Kraft setzt. 

Das Stresszentrum hat in einer solchen Situation des akuten Alarms nur ein Ziel, nämlich diese unerträgliche Situation zu beenden. Die meisten Menschen bezeichnen diesen unerträglichen inneren Zustand als psychischen Schmerz. Psychischer Schmerz, so hörte ich etwa von Patienten, ist schlimmer als körperlicher Schmerz. Wir denken, dass er nicht aufhören wird. Er ist unerträglich. Und wie ich schon sagte, wenn das Alarmsystem die Kontrolle übernimmt, ist das einzige Ziel, dieser unerträglichen Situation, diesem unerträglichen mentalen Schmerz, ein Ende zu setzen.

Fachleute der kognitiven Verhaltenstherapie kennen das. Von dort stammt der Ausdruck des Modus. Der Modus beschreibt ein Reaktionsmuster auf bestimmte Situationen, das Veränderungen im Denken, Fühlen, Verhalten, in der Körperwahrnehmung und so weiter beinhaltet. Und gerade in Situationen, in denen Menschen Suizidgedanken umgesetzt haben, wird dieses Muster als Reaktionsmuster gespeichert und kann in der Zukunft jederzeit wieder aktiviert werden.

Jetzt wirst du vielleicht verstehen, warum ich glaube, dass Suizid keine überlegte Handlung ist. Denn in diesem mentalen Zustand, in diesem akuten Krisenmodus, verändert sich unser gesamtes mentales Funktionieren und die Gehirnfunktion, und wir sind in der Tat nicht mehr uns selber.

Ich halte es für extrem wichtig, unser Verständnis von Suizid um dieses neue Element zu erweitern. Ich möchte, dass du und andere wissen, dass wir uns in einer gefährlichen Situation befinden, wenn das Alarmsystem die Oberhand gewinnt und damit unser rationales Denken ausser Kraft setzt, was zu einer lebensbedrohlichen Handlung führen kann. Und ich persönlich bin davon überzeugt, dass die meisten Menschen, die durch Suizid sterben, es im Nachhinein bereuen würden, wenn sie eine zweite Chance hätten.

Deshalb glaube ich, dass in einem neuen Verständnis von Suizid, Menschen, die selber suizidale Krisen durchgemacht haben, aber auch solche, die nie an Suizid gedacht haben, wissen sollten, dass wir in diesem mentalen Ausnahmezustand plötzlich nicht mehr rational entscheiden können, und damit nicht in der Lage sind, andere Lösungen als Suizid in Betracht zu ziehen.

4. Zusammenfassung - und was alle über Suizid wissen sollten

Das neue Suizidmodell in Kürze – und wie ein neues Verständnis von Suizid Menschen helfen kann, Strategien zur Bewältigung künftiger lebensbedrohlicher Suizidkrisen zu entwickeln.

Transkript Clip 4 (deutsch)

In diesem kurzen Video werde ich meine wichtigsten Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Videoclips zusammenfassen.

Erstens bin ich davon überzeugt, dass wir ein neues Modell zum Verständnis von Suizid, oder genauer gesagt, ein besseres Modell zum Verständnis dafür, was im suizidalen Menschen vor sich geht, brauchen, wenn wir die Suizidrate senken wollen.

Das gängige Modell, das medizinische Modell, das aussagt, dass Suizid in erster Linie die Folge von psychischen Störungen ist, genügt nicht. Es genügt nicht, weil es dem suizidalen Menschen nicht hilft, die eigene Suizidalität zu verstehen. Wir brauchen also ein Modell, das den Menschen hilft zu verstehen, wie ihre eigene Verletzlichkeit zu einer existenziellen Bedrohung werden kann, wie psychischer Schmerz entstehen kann, wie psychischer Schmerz so stark werden kann, dass er unerträglich erscheint und dass Suizid als einzige Lösung erscheint, diesen Schmerz zu beenden. 

In der Bevölkerung sollte bekannt sein, dass sich bei hohem emotionalen Stress unsere Gehirnfunktion verändert und wir plötzlich nicht mehr rational denken können. Das sind die dissoziativen Symptome, die ich bereits erwähnt habe. Dissoziative Symptome bedeuten, dass wir von unserem Körper abgekoppelt sind. Wir verhalten uns wie ein Roboter, wie in einem Trancezustand. Dies sind die akuten Zustände, die lebensbedrohlich werden können. Wir Menschen müssen also über all dies Bescheid wissen, und auch wissen, was sie dagegen tun können. Wir sollten wissen, welche Erfahrungen zu psychischem Schmerz führen können. Wir sollten die Warnzeichen und die persönlichen Sicherheitsstrategien kennen, die helfen, solche lebensbedrohlichen Erfahrungen zu überleben.

Wenn du mehr darüber wissen willst, interessiert dich vielleicht das neue Buch, das im November 2022 bei Columbia University Press erschienen ist. Der Titel lautet The Suicidal Person. A New Look At A Human Phenomenon.

Vielen Dank für Ihr Interesse.

Meine Blogbeiträge auf "Psychology Today"

Meine Blogbeiträge unter dem Titel „The Suicidal Mind“ findest du auf Psychology Today, dem weltweit umfassendsten  Portal für psychische Gesundheit und Verhaltenswissenschaft.

Neuste Beiträge (englisch):

Why we should accept shame as a normal emotional reaction that everybody experiences.

ChatGPT is not safe when navigating suicidal ideation.


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Nicholas Procter und Conrad Newman besprechen Konrad Michels „The Suicidal Person“ (engl.)

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